Detroit hustles harder. Wilkommen in Motorcity!

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„Detroit? Was wollt ihr denn in Detroit?!“
„…ich dachte Detroit wäre tot?!“
„Passt bloß auf euch auf wenn ihr in Detroit seid!“

Genau das sind die Reaktionen wenn man jemandem erzählt, man habe vor nach Detroit zu fahren.

Gut – die Stadt geniesst aus triftigen Gründen nicht gerade das was man einen guten Ruf nennt.

Aber dennoch, ich musste nach Detroit!

Einstmals war Detroit das Symbol der Automobilindustrie der Vereinigten Staaten von Amerika.
Die „big three“ haben hier ihre Firmensitze.
Ford (wurde hier gegründet), Chrysler und General Motors. Hinzu kamen die Zulieferer und alle, die in der Peripherie dieser Industrie beschäftigt waren.
Detroit war eine wahre Boomtown, große Autos, breite Straßen, für jeden ein Eigenheim – der amerikanische Traum.
Alles auf Pump.

Die Krisen kamen, die Autohersteller bauten Personal ab. Kredite konnten nicht mehr bedient werden. Die nächsten Krisen kamen. Immobilien konnten nicht mehr abgezahlt werden. Die Blase platzte.

Die Stadt, in der heute rund 750.000 Einwohner leben, ist mit 18 Milliarden (!!) hoch verschuldet, die Straßen sind in einem schlechteren Zustand als in ganz Südostasien, auf 100 Menschen kommen 30 Jobs, gefühlt stehen 50% der Häuser – auch die Wolkenkratzer Downtown – leer.
Ein kaum vorhandenes öffentliches Transportwesen, miserable Bildungseinrichtungen und weit über 300 Morde im Jahr runden das Bild ab.

Was zur Hölle will man also in Detroit?
Ja – diese Frage ist berechtigt.

In Detroit erlebt man Kapitalismus im Endstadium.

Von mehreren Gesichtspunkten aus ist Detroit also sehr interessant.

Wie wird unsere Gesellschaft aussehen, wenn wir so weiter machen wie wir es machen?

Wie pflegt eine Stadt ohne Geld ihr kulturelles Erbe?

Was passiert mit all den, zum Großteil wunderschönen Gebäuden?

Es ist eine Art Freilichtmuseum  für Stadtplaner und Soziologen.

Detroit wurde von einem Franzosen gegründet, von den Briten erobert und an die Amerikaner verloren.
Die Amerikaner bauten hier ein Fort, um die Grenzstadt zu Kanada verteidigen zu können.
Ein Schuss über den Fluss nach Kanada erfolgte nie, der Bürgerkrieg kam dazwischen.
Heute gibt es eine Brücke und ein Tunnel.
Die Zeiten sind friedlicher geworden.
Man gibt sich von Seiten der Stadt bemüht das Image aufzupolieren, Touristen anzuziehen, an einer Renaissance zu arbeiten.
Und tatsächlich Detroit hat einiges zu bieten.

Sicherheit

Grundsätzlich hatten wir das Gefühl sicher zu sein in Detroit.
Wir waren aber auch nie Nachts draussen und die Eastside vermieden wir auf Anraten der Touristeninformation und unseres Gastgebers.
Downtown ist komplett mit Überwachungskameras ausgestattet.
Gut 70% der Einwohner in Detroit sind Afroamerikaner, kein Problem natürlich, aber man fällt als „Weissbrot“ in einigen Stadtbezirken sofort auf. Wir wohnten im Denkmalschutzbezirk „Rosedale Park“. Da man uns ansah, hier nicht her zu gehören und auch am Akzent zweifelsfrei hörte, dass wir keine Amerikaner sind, kam oft die Frage woher wir denn kommen und sehr oft haben sich die Menschen über unsere Antwort gefreut. Einmal wurden wir auch an einer Kreuzung von einem Mann aus einem Auto angesprochen, der in diesem Stadtbezirk aufgewachsen ist und sich sehr freute, dass wir hier sind und uns die Stadt anschauen.

Es ist wie überall auf der Welt, egal ob Einbeck Salz der Helden, Frankfurt oder Saigon – benimm dich ordentlich, begib dich nicht in zwielichtige Gebiete und alles wird gut sein.

Wir haben es auf seine eigene, schrullige Art und Weise zu lieben gelernt und wären gerne länger geblieben, aber fünf Tage mussten reichen.

Ein Guide durch Detroit

Eigentlich muss das hier im plural geschrieben stehen, denn es gibt zwei.

Beide scheinen ihr eigenes Süppchen zu kochen – aber beide sind sehr sehr gut.

Lagebeschreibung:

Detroit Metroconvention and Tourist Information
Adresse 211 West Fort Street im 10 Stock
Offizielle Information der Stadt Detroit.
Freundliche, wissende Auskunft quer durch alle Interessensgebiete, die mit Karten und Discountcupons versorgt.

Detroit Welcome Center / Experience Factory
Adresse 123 Monrose Ave
Super Auskünfte, Toiletten und kostenlos Wasser.
Bieten verschiedene kostenlose und kostenpflichtige Führungen durch Detroit an.

Zum Beispiel:
Architektur Tour
Walking Tour

In Motorcity braucht man keinen ÖPNV.
Das war lange lange die Einstellung.
Eine Metro, Strassenbahn oder Subway sucht man vergebens.
Kennt ihr die Wägen in San Francisco?
Diese fuhren ganz weit damals in Detroit.
Immerhin, es gibt eine Monorail in Detroit, auch „People Mover“ genannt.
Dieser fährt einen Loop durch Downtown und verbindet hier alles „Wichtige“.
Der Loop dauert 15 Minuten und kostet 75cent.
Und es gibt ein (dünnes) Busnetz welches die Neighborhoods miteinander verbindet.
Eine Fahrt kostet 1,75$, das Ticket gilt für 4 Stunden und beinhaltet 4 x umsteigen.
Ist also fast mit einer Tageskarte gleichzusetzen.
Achtung: Passend beim Busfahrer zahlen!
Der Busbahnhof Downtown heisst Rosa Parks besser kann man einen Busbahnhof nicht nennen.
Hier gibt’s Wochenkarten, Fahrpläne, Auskünfte etc..

Das Nutzen öffentlichen Nahverkehrs ist sehr ungewöhnlich in Detroit, man fährt noch immer Auto – wenn man es sich leisten kann.
Wir waren die ganze Zeit über die einzigen Touristen in den Bussen und ernteten einige fragende Blicke. 😀

Rosa Parks Station
Rosa Parks Station

Zwei Dinge sollte man in Downtown Detroit gemacht haben.

1. Eine der kostenlosen Touren durch das Renaissance Center – heute GM Hauptquartier, ursprünglich von Ford in den 80ern gebaut.
Die Tour war zugegebener Maßen etwas enttäuschend, aber man kommt so immerhin in den 74 Stock des Gebäudes und hat eine grandiose Aussicht über Detroit und Windsor (Kanada).
Führungen starten täglich um 12:00 und 14:00 vor dem Geschäft „pure Detroit“ Tower 400.

GM Headquarters
GM Headquarters

2.Einfach mal durch Downtown gelaufen sein und die Architektur bewundert zu haben. Viele der (jetzt leerstehenden) Gebäude und Hochhäuser wurden in den 20ern und 30ern der 1900er errichtet und versprühen trotz … oder gerade wegen ihrem mangelnden Wartungszustand einen herrlichen Charme
Tipp: Durch das EG des Guardian Buildings kann man ohne weiteres schlendern.

…dann gibt es noch die Foodtrucks, Kneipen, den Riverwalk, Belle Island … und so weiter.

Midtown schmiegt sich direkt an Downtown Detroit an. Hier finden sich die State Libary, Kunstmuseen, ein kleines bisschen Hipstertum, Theater und das Studio und Plattenlabel von Jack White dem Willy Wonka des Rock n Roll, dem Mastermind des neo Bluesrock … dem … jaja, von Jack White eben den man von den White Stripes, Death Weather und so weiter kennt.
Third Man Records
Neben kostenfreien Kaffee, allerlei Merch und Platten des Labels gibt es hier auch Musikequipment, eine Bühne auf der dann und wann Konzerte veranstaltet werden, Fotoautomaten, ein Mold-A-Rama, Jukebox und eine Kabine um seine eigenen Songs einzusingen und pressen zu lassen…
Auf jeden Fall einen Besuch wert!

Old Michigan Central Station 16th Street
Corktown ist ein sehr altes, von irischen Immigranten gegründetes Viertel, dessen touristisches Zentrum sich um die Michigan Ave konzentriert. In Detroit gibt es generell viele Ruinen und leerstehendes Gebäude, alle sind auf ihre Art und Weise sehenswert – der alte Bahnhof der seit 1988 leersteht und um 1906 errichtet wurde, ist ein wundervoller Anblick der Zeit. Keiner weiss so recht etwas mit dieser Ruine etwas anzufangen, ausser abzusperren und ab und an ein Filmteam hinein zu lassen, Transformers, 8 Mile, Die Insel und andere wurden hier gedreht.

Michigan Central Station
Michigan Central Station

 

Im östlichen Teil der Stadt, aber noch nicht in der Eastside gelegen, findet sich der Eastern Market.
Samstags ein Farmersmarket unter freiem Himmel (Parken ist kostenlos) und gut besucht, versorgt er mit frischen Lebensmitteln. Sonntags finden sich hier Künstler zusammen, um ihre Sachen zu verkaufen.
Um den Markt herum finden sich Antikgeschäfte, Boutiqen und allerlei fancy Hipsterläden, die eifrig an der Renaissance Detroits mitgestalten.

In direkter Nachbarschaft findet sich ebenfalls

Detroit Wick

Diese Künstlerorganisation kauft legale und illegale Waffen auf, zerstört diese und giesst die Fragmente in durchsichtigen Kunststoff, um als Skulptur fortan zu zieren und zu warnen.
Die Skulpturen können hier nicht nur besichtigt, sondern auch gekauft werden.
Nicht ganz günstig … zwischen 400 und 5.500$ muss man auf den Tisch legen.
20% des Verkaufserlöses gehen an Organisationen, die sich um die Hinterbliebenen der Opfer kümmern, der Rest wird in den Rückkauf der Waffen, der Herstellung der Skulpturen und der Finanzierung des Projektes und der Künstlerinitiative gesteckt.
Und auch wenn das Budget den Kauf einer solchen Skulptur nicht hergibt – sehenswert ist das allemal!

Schwerter zu Pflugscha…ich meine Kunst!

Signal-Return Press

Hier findet ihr HANDwerkskunst: In der Detroit Community Letterpress findet ihr eine Vielzahl an Druckerpressen und auch Poster, Karten und Drucke, die dort per Hand hergestellt wurden. Ihr könnt eine Führung buchen oder auch selbst Hand anlegen.

Ja, zugegeben, es hat einen voyeuristischen Touch durch die Straßen von Motown zu fahren und sich das Ende des Kapitalismus … oder zumindest einer Vorstufe dessen anzusehen und auch Fotos zu machen. Oftmals leben Menschen in den Gebäuden, weswegen man der Sache mit Respekt begegnen sollte.
Aber – es ist ein Muss.
Detroit steht eben auch hierfür.
Ab ins Auto und etwas in der Gegend rumcruisen.
Auffällig wird auch der Unterschied der Gebiete – Warren, Dearborn und dann Livonia … DAS ist eine Armutschere innerhalb von 20 Meilen.

Apropos – Eminems 8 Mile Road findet sich hier ebenfalls.
Natürlich nicht das vornehmste Viertel.
Daneben finden sich noch Mexicantown und Greektown, welches ehemals von Deutschen gegründet wurde.

Detroit ist eine technologische Stammzelle.
Edison hatte E-Werke hier und forschte an Erfindungen, die unsere Welt zu jener machten, die sie heute ist.

Henry Ford „erfand“ die Serienfertigung des Automobils und löste damit die Dampfmaschine aus dem Alltag der Menschen ab.

Ein MUSS also sich zumindest etwas dieser Geschichte zu verinnerlichen.
Dazu gibt es auch genügend Gelegenheit.

Die Ford Factory Tour (18$)
Das Henry Ford Museum (19$)
Das Greenfield Village (26$)

Tripadvisor Bewertungen sprechen Bände über die Qualität und so haben wir uns entschieden das Greenfield Village zu besuchen.
Greenfield ist eine Ansammlung historischer Gebäude, die von Henry Ford (I und II und Stiftung) gekauft wurden und hier zum Erhalt aufgebaut wurden.
Es handelt sich hier um eine Mischung von belebtem „hands on“ Freiluft Museum, welches Lernen durch Erfahren in den Vordergrund stellt.

Es findet sich unter anderem eine Töpferei, ein Brennofen, eine Druckerei, ein Weberei ein Pioneer Store, ein Glasbläser, ein Sägewerk und ein Bauernhof vor Ort.
Alle werden betrieben, in allem findet sich Personal in zeitgenössischer Kleidung die Fragen beantworten und Rede und Antwort stehen.

Soweit, so gut, nichts sonderlich aussergewöhnliches. Die Historical Interpreters kennt man ja schon, zum Beispiel aus Lower Fort Garry.

Allerdings und DAS ist wirklich besonders.
Henry Ford war Angestellter in Edisons E-Werken, man lernte sich kennen, man wurde best Friends,Ford wurde sehr sehr reich und … Ford kaufte die Gebäude.
So stehen hier heute das original E-Werk, in dem der erste Strom für die ersten Glühbirnen produziert wurde, die Labore Edisons und die Werkstätten.

Und weil man mit Geld so viele schöne Dinge kaufen kann, steht hier auch das Haus Fords Lieblingslehrers und die Werkstatt der Gebrüder Wright – die den ersten Flug der Menschheitsgeschichte absolviert hatten.

Es ist Großartig!
Sein Geld voll wert!
Absolut.

Für 5 weitere Dollar kann man mit einer echten Dampflok fahren oder in einem Ford T Model im Dorf herumtuckern.
Wer lieber mit den Öffis fährt … 50cent für eine Fahrt im Ford AA Dorfbus.

Vorstellungen von Schauspielern (wir haben Edison getroffen) die über ihr Leben und Wirken berichten runden das Ganze ab.

Ungefähr 5 Stunden waren wir hier durchgehend beschäftigt.

Ins Museum oder in die Factory sind wir nicht mehr.
Alles abzuhaken ist bei straffen Programm eine 1 1/2 Tagesbeschäftigung.

Und noch ein Tipp:
In der Touristen Information gibt es 20% Discount Flyer…

Wie oben erwähnt, verfügt Detroit natürlich auch über ein Fort, Fort Wayne.
Es ist nicht so super spannend; da neben der Mauer mit ihren Verteidigungseinrichtungen und bombensicheren Gängen und Erkern lediglich die Pulverkammer und das Hauptgebäude erhalten ist. Diese aber in einem guten Zustand und teilweise begehbar.
Um das Fort herum befinden sich noch weitere Einrichtungen aus allen Zeiten.
Vom Spanisch-Amerikanischen Kriege über Vietnam und Bürgerkrieg.

Der Eintritt ist frei, parken kosten 5$ pro Fahrzeug.

Einmal im Monat findet ein Special Event statt.

Wir hatten Glück und waren zu den „Colonial Days“ dort. Verkleidete Darsteller in allen denkbaren Rollen spielten diese Zeit nach.
So konnten wir Soldaten marschieren, Offiziere salutieren und Ärzte amputieren sehen.
Viel gelernt über die Medizin des 18/19 Jahrhunderts haben wir ebenfalls.

Wem schon „der Medicus“ gefallen hatte, oder sich auch einfach nur an historischen Romanen erfreuen kann,
der wird seine Freude sicherlich auch mit „der Schamane“ finden der in der Zeit der Besiedlung und des Bürgerkrieges spielt.

Grundsätzlich versuchen wir so günstig wie möglich unter zu kommen.
Das bedeutet kostenfreie Campingplätze, Truck und Rest Stops, Supermarkt Parkplätze.

In Detroit war uns das etwas zu heikel.
Über AirBnB findet man Unterkünfte von Privat und auf booking.com wie gewohnt Gewerbliche.

Wer noch nie über AirBnB gebucht hat findet hier einen Link zu einem 20€ Gutschein (egal wo).

Wer booking.com ausprobieren möchte einfach hier auf diesen Link klicken.

 

Detroit hat erstaunlich viel zu bieten, möchte man alles gesehen haben …. sollte man sich zwei Wochen gönnen.
Für uns waren diese 5 Tage ein straffes, aber spannendes Programm.

Jetzt geht’s es nach Washington D.C. und zwischendurch zu den Amish.

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