Vom Langzeitreisen.

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Reisen bildet und führt in neue Länder.
Man findet neue Freunde und lernt ein neues Leben kennen. Man lässt Gewohnheiten hinter sich und beginnt stärker zu hinterfragen.
Durch das Langzeitreisen kann man einen Blick von aussen auf sein Leben werfen – auf die Welt. Man kann “nebenher mitschwimmen”.
Den ganzen Tag am Strand liegen und Cocktails trinken. … man ist frei!

Solche romatischen Vorstellungen (und noch viele mehr) hat jeder, der über das Langzeitreisen nachdenkt. Wir können nach weit über einem Jahr, konstant auf der Straße, sagen: “Ja – das stimmt. Das kann man alles. Wenn man die Zeit und Ruhe dazu findet.”
Man darf Langzeitreisen nicht mit einem Urlaub verwechseln.
Langzeitreisen sind wundervoll – aber auch anstrengend.

Auf einmal ist da nicht mehr der gefüllte Kühlschrank und die Küche, die einen preisgünstig ernähren oder das Heim mit der sieben Zonen Kaltschaummatratze, das einem einen sicheren Schlafplatz für die Nacht bietet und man zu jeder Zeit weiß wo sich das “zu Hause” befindet.

Jeder Standortwechsel zieht eine neue Organisationskette nach sich.

Wo schlafe ich?!

Oh ja, Nächte am Strand verbringen ist super, aber dem Wetter schutzlos ausgesetzt sein, auf die Dusche verzichten und in ein Sandloch scheissen zu müssen, kann ganz schön nerven. Für einige Tage kann man sich ja noch mit Katzenwäsche und der Buschdusche behelfen aber dann…dann wirds unschön. Für alle.
Es geht doch nichts über ein Hotelzimmer. Oder zumindest einen Raum mit Tür, die man hinter sich schliessen kann und wenigstens einer Gemeinschaftsdusche.
Man wird also schnell zum eingefleischten Benutzer aller möglichen Apps und Internetseiten. Booking.com, hostelworld, AirBnB, Couchsurfing, Trusted Housesitters, helpX und Kenner aller (un)möglichen Googleabfragen, um an Tipps und Erfahrungen, nicht nur über Tripadvisor, zu gelangen.
In Südostasien verfügen die meisten Gasthäuser oft noch nichteinmal über eine Internetseite oder ein Listing, weshalb wir sehr häufig einige Zeit mitsamt unserem Gepäck durch die Gegend gezogen sind, um etwas in unserem Budget zu finden. Oft haben wir mit Händen und Füßen verhandelt, fast immer mit Erfolg und netten Bekanntschaften – aber Urlaub geht anders.

Wie komme ich von A nach B?

Der Ortswechsel von A nach B ist immer das Aufregendste. Was erwartet mich? Habe ich hier schon alles gesehen, um gehen zu können? Ist der Preis gerechtfertigt? Und letztlich ist doch die Bewegung die Quintessenz des Langzeitreisen.
Am schönsten ist der Transport mit dem eigenen Vehikel. Man umgeht die Touristenströme der Pauschalurlauber, die denken die Füße geleckt zu bekommen, weil sie weiss sind, aber trotz vollster Geldbörse so rumgeizen, dass es knirscht im Gebälg. Man erspart sich Fremdschämen und Fremdärgern.
Es stehen Boote, Busse, Flugzeuge – die gesamte bekannte Produktpalette zur Verfügung.
Auch hier wieder, die Qual der Wahl.
Dabei ist der Kauf eines Fahrzeuges nicht einmal so schwierig.
In Vietnam, Kambodscha oder Laos kann man sprichwörtlich an jeder Ecke eine 125er Maschine für eine handvoll Dollar erwerben und sieht so Dinge, in deren Genuss man sonst nie kommen würde.
In Ländern wie zum Beispiel Kanada oder Australien ist der Autokauf die beste Alternative. Autos sind oft günstig, Versicherungen erschwinglich und zur Anmeldung benötigt man nur einige Grundvoraussetzungen wie etwa eine Kreditkarte, die aber leicht zu bewältigen sind. Und mit der richtigen Autowahl ist dann auch die Frage des Schlafplatzes erledigt… obwohl… in Kanada trotz allem noch immer eine Herausforderung.

Mit einem Auge auf das Sparschwein achten.

Urlaubszeit ist Schlemmerzeit, man besucht Restaurants, man geht shoppen, kauft Souveniers ohne Ende und haut sein Budget gnadenlos raus.
Natürlich – sind die wenigen Tage der Freiheit im Jahr doch so kostbar; die will man mit Vollgas genießen.
Beim Langzeitreisen ist die Zeitdauer naturgemäß doch etwas länger. Das Budget ist gegebenenfalls dünner und eine Arbeitserlaubnis nicht immer vorhanden und eventuell ist die gesamte Dauer der Reise noch nicht einmal bekannt, so dass man wirklich auf sein Budget achten muss.
Buchhalterapps helfen hier den Überlick nicht zu verlieren – aber der Wille des Geizes muss ständig trainiert werden.
Was oft schade ist, was oft anstrengend ist – aber das gehört dazu.
Wir sind ja nicht im Urlaub und die Reduktion aufs Wesentliche war, zumindest für uns, Teilziel dieser Unternehmung.

Und mag der Strand doch noch so schön und der Urwald noch so grün sein.
Die Dauersonne so erquickend und die Gerüche der neuen Welt so anders sein. …

Irgendwann fehlt das zu Hause doch.

Skype, eMails, bloggen, Postkarten sind wundervolle Erfindungen, die als Substitution der Nestwärme dienen können.
Aber doch irgendwie nur über eine bestimmte Zeit hinweg.
So gerne würde man das alles Teilen, mit seinen Freunden und seiner Familie, gemeinsam das Babykänguru mit einem “ooooohhhhhhh” bestaunen und darüber austauschen “wie verdammt krass” die Motorradtour durchs Niemansland war.

Vom Langzeitreisen - Kommunikation PostkarteErzählen ist erzählen – aber das gemeinsam Erleben fehlt.
Man lernt wundervolle Menschen kennen und gar nicht einmal so Wenige.
Man trifft auf atemberaubende Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit.
Dennoch – “Wo kommt ihr her?” – “Was macht ihr zu Hause?” – “Weshalb habt ihr gekündigt?”
Die Antworten auf diese Fragen werden so oft wiederholt, dass man sie bald schon wie ein auf Tonband aufgenommenes Mantra abspielt, immer und immer wieder.
Das langweilt.
Man sehnt sich nach Menschen, die einen kennen, die lachen wenn man selbst lacht, mit denen man ähnliche Interessen teilt.
Es gibt doch nur eine Heimat.
Und nur wenige der Nomaden finden in der Bewegung des Langzeitreisen ihr zu Hause.

 

 

 

Die Sprache.

Und will man nur etwas zum Essen bestellen oder einen Laden oder Bus betreten und wieder verlassen und dabei nicht wie der größte Rüpel aus dem Wald erscheinen, muss man sich zumindest einige Vokabeln zurecht legen. In Ländern, die mit lateinischen Buchstaben arbeiten, geht das noch am schnellsten und auch Vietnam geht irgendwie klar. Aber wer schon mal in Thailand oder Kambodscha war, der weiß – spätestens jetzt wo die Schrift so ganz anders aussieht, wird das mit dem Erkennen was man da bestellt schon eine Herausforderung. Lobesgesänge auf Speisekarten mit Bildern. Auch wenn keiner erwartet, dass man die fremde Sprache sprechen, oder gar lesen kann,aber einige Anstandsvokabeln wie: “Ja.” “Danke.” “Nein.” “Hallo.” und “Tschüss.” sollte man dann doch können.
Und ganz wichtig!: Lächeln.
Ihr seid Botschafter eures Landes: achtet auf Verhaltensweisen und Gepflogenheiten.
Vorurteile gibt es auch gegen “uns” – “farangs”! (Zu Recht!)

Vom Langzeitreisen - Fremde Länder, Fremde Sprachen (Vietnam)
Vietnamesisch

Behördenkram.

Eine der Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen besteht schon immer daraus sich über den Regulierungswahn der Behörden aufzuregen aber gleichzeitig für alles und jeden ein passendes Regularium zu fordern. Ich nenne das für mich “das pradoxon des deutsch sein” und kann mich ebenfalls nicht davon lossagen.
Aber wenigstens ist das alles in deutsch geschrieben und man versteht, um was es geht und wenn es sein muss, kann man sich verteidigen. Man weiss einfach, dass man einem deutschen Zöllner keine Aufmerksamkeit oder “service fee” zukommen lassen muss – besser; sollte. Andere Länder andere Sitten. In Kambodscha, Land Nummer 156 auf der Rankingliste (von 176) sollte man hingegen immer 5US$ in der Hosentasche haben… man weiss schliesslich nie.
Ebenso gehört es sich, einige Ringgit im Reisepass zu haben wenn man von Malaysia nach Thailand wechselt.
Ständig muss man handeln; aufpassen, nicht über den Tisch gezogen zu werden und sehr viel Vertrauen in das Gute im Menschen haben. An ausgeschriebenen niedrigeren Preisen für Einheimische sollte man sich gar nicht erst stören – wenigstens sind diese ausgeschrieben.
Jeder Grenzübertritt sorgt noch dafür, dass man gegebenenfalls viel Zeit mit Visabestimmungen verbringt.
Auch wenn die EU in ihrem Konstrukt mittlerweile kritikwürdig ist – ein Hoch auf das Schengener Abkommen!

Vorurteile.

Es gibt eine Menge Vorurteile gegen Reisende.
Backpacker machen immer Party, stehlen, können sich nicht benehmen.
Weisse ältere Männer kommen wegen der (Kinder)Prostitution nach Südostasien.
Deutsche sind geizig, Franzosen beschweren sich ständig, Kanadier sind ständig betrunken und Russen blockieren das Buffet.
Und…alle Weissen sind reich.
Diese Vorurteile kommen einem ständig entgegen.
Nicht nur auf Langzeitreisen.
Und…diese kommen nicht von ungefähr.
Fremdschämen ist so häufig angesagt, dass man sich fragt – weshalb sind die überhaupt noch freundlich zu mir?
Und dann erkennt man schnell, in Touristenzentren sind die Menschen häufig genau deshalb nicht mehr freundlich.
Das liegt nicht daran, dass alle Vietnamesen Abzocker sind oder die Thais gemeine Mafiosis – das hat eine Ursache: Respekt.
Wie man in den Wald schreit – so schallt es zurück.
Benehmt euch verdammte Scheisse und zieht in einem Tempel, in einer Moschee oder in einer Kirche kein pornesqueses Outfit an.
Auch wenn man nicht gläubig ist.
Rennt nicht kiffend wie Bob Marley durch die Städte und weint dann bei der Botschaft, weil ihr zu zwanzigst in einer 5 Insassenzelle sitzt bis irgendjemand eure Strafe gezahlt hat und ihr sooo schlecht behandelt wurdet.
Wenn ihr Scheisse baut, steht dafür gerade. Und wenn es “nur” ein unbezahltes Ticket ist.
Ihr seid zu Gast.
Wie denkt ihr über solche Leute zu Hause?
Man ist also ständig als Botschafter seines eigenen Landes unterwegs – oder in Südost, als Botschafter der Weissen.

Zu Hause ist das alles einfacher, man weiss wie der Hase läuft, man kennt die Mentalität und hat einen Rückzugsort.
Wenn einem was nicht passt, kann man sich darüber in der Muttersprache beschweren (ein riesen Vorteil) und Waren sind ausgepreist und nicht dem Verhandlungsgeschick unterlegen. Das vergisst man oft und sieht nur die Freiheit, die Reisen mit sich bringt. Ja, allerdings muss man ständig an seinen Überlebensskills arbeiten. An sehr vielen Stunden während unserer Reise haben wir uns mit Fragen beschäftigt, die selbstverständlich zu Hause oder im Urlaub sind.

Wo schlafe ich?
Wo kann ich mich waschen?
Wo bekomme ich Trinkwasser?
Wo esse ich?

Aber gerade diese Fragen haben es zu dem Erlebnis gemacht. Langzeitreisen ist dann doch wieder wichtig: für die persönliche Entwicklung. Wenn man will, dann findet man viele Gelegenheiten zur Reflektion.
Gerade weil es kein Urlaub ist.

Wir waren an so vielen Orten dieser Welt…und irgendwie sind wir wieder froh daheim zu sein.
Es gibt doch nur ein zu Hause.



 


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