Backpacking im Iran – Urlaub im Schurkenstaat

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Backpacking im Iran – Urlaub im Schurkenstaat…(?)

Es muss irgendwann im November gewesen sein als wir uns das erste mal wirklich Gedanken über unseren Jahresurlaub machten. Eigenlich hatten wir wieder Südamerika auf dem Schirm, unsere Erfahrung mit Peru war durchweg positiv und die spanische Sprache liegt uns sowieso. Nach Chile hatten wir uns für dieses Mal vorgenommen: reisen, wandern, Natur, die Sprache… das Essen. Den Berichten einer Freundin zufolge musste es dort ebenfalls wundervoll sein. An ein Backpacking im Iran war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein Staubkörnchen an Idee verschwendet worden.

Es war eigentlich alles gesetzt, der Plan grob skizziert, gebucht war noch nichts.

Ein ereignisloser Sonntagabend trieb uns in die digitalen Arme der Arte Mediathek welche immer ein guter Ansprechpartner in Zeiten der Beschäftigungslosigkeit ist ~ und brachte unsere Pläne mit Chile ziemlich ins Wanken.

Wir sahen “irgendeine Doku” über den Iran, der Titel ist mir entfallen, aber die Kernaussage war: “Es ist ein Land in dem alles verboten ist, aber dennoch alles gemacht wird.” Diese Aussage sollten wir später noch öfter zu hören bekommen.

Die dort interviewten Menschen sahen alles anders aus als Schurken, keiner hatte Messer zwischen den Zähnen, Schrie: “Allahu Akbar”, oder Köpfte westliche Menschen aus purer Blutlust. Irgendwie waren alle relativ freundlich.

Selbst der Sicherheitsmann der freundlichst auf das Filmverbot der öffentlichen Einrichtung hinwies – man möge sich doch bitte daran halten. Sonst würde er Probleme bekommen. Das kann man ja nicht wollen.

Ich habe in der Vergangenheit so ziemlich jede Doku über Nordkorea gesehen, die irgendwie erschienen ist und war jedes Mal wieder negativ fasziniert von diesem Land, das so brutal mit seinen Einwohnern umgeht.

Diesmal war es anders. Aber mit dem Rucksack durch den Iran? Backpacking im Iran? Urlaub in einem Land das ständig als Schurkenstaat diskreditiert wird? Gegen das die “westliche Zivilisation” ein Embargo nach dem nächsten, eine Sanktion nach der anderen auf den Weg bringt?

Auf der anderen Seite… wie vertrauenswürdig und ernst zunehmend sind “unsere” von Lobby- und eigenen Finanzinteressen gesteuerten Politiker?

Richtig*.

Ich neige dazu, Menschen und Geschehnisse in Schubladen einzusortieren, bin aber durchaus in der Lage diese zu öffnen und neu zu sortieren.

Also, die nächsten Dokus auf Arte und Youtube über alle möglichen Themen im Iran reingezogen und zu folgenden Erkenntnissen gekommen: Alkohol ist verboten – wird aber unter Zuhilfenahme von alkoholfreiem Bier selbst gebraut.

Man legt großen Wert auf Höflich- und Gastfreundlichkeit.

Der Perser ist stolz… sehr stolz (die Geschichte des Landes reicht immerhin ca. 4.500 Jahre zurück)

Frauen müssen ein Kopftuch tragen.

Kurze Hosen sind Tabu – auch für Männer.

Das Internet ist stark reglementiert.

Facebook ist verboten – Instagram erlaubt (?!) Mittels VPN kann man alles haben. Diese werden geduldet.

Der Iran ist eine Theokratie (Islamische Republik). Die Geistlichkeit steht über allem, auch über dem gewählten Präsidenten.

Um einiges restriktiver im Umgang mit den Freiheiten der Bürger und in weiten Teilen sehr konservativ seitdem die Revolution 1979 den Schah gestürzt hat und die Geistlichkeit an die Spitze gehoben hat. In den letzten Jahren öffnet sich das Land, das hauptsächlich vom Ölexport lebt, vorsichtig und zaghaft dem westlichen Tourismus.

Okay – wir hatten gelernt, dass ein Aufenthalt im Iran eine Konfrontation mit unseren bis dahin gewohnten Verhaltensweisen führen würde.

Aber noch immer haben wir nichts gesehen was wir als “Evil”, als Gefahr für Leib und Leben einstufen würden.

Und da wir Deutschen Meister darin sind, Integration von Besuchern unseres Landes zu fordern, deren unsere Gebräuche sicherlich ebenso Fremd sein dürften wie deren für uns, könnten wir doch einmal mehr versuchen wie anpassungsfähig wir sind.

Der Gedanke eines Backpacking im Iran rückte näher.

Seitdem ich von Noah Gordon gelesen hatte war ich neugierig auf Persien geworden.

Schließlich war Persien zu Zeiten unseres Mittelalters schon so viel weiter in vielen Bereichen als “wir” hier in Mitteleuropa.

Begriffe wie Hygiene, Poesie, Autopsie…kommen von hier.

Persepolis, die Stadt die von Alexander dem Großen dem Erdboden gleichgemacht wurde dürfte jedem etwas sagen – Sie war ein Lichtstrahl der Zivilisatorischen Errungenschaften Persiens.

Eigentlich, eigentlich wäre der Iran doch ein hervorragendes Land zum Entdecken, dachten wir uns das erste Mal ohne dass wir mit irgendwelchen Wahnvorstellungen spekulierten, die alle Negativbegriffe der Rechtspopulisten gebrauchen, die sich durch die ständige, mediale Wiederholung in unsere Gehirne gehämmert hatten.

Scharia, Djihad, Köpfen, Steinigen, Vollverschleierung, Zwangsheirat… Wir überlegten jeder für sich, sicherlich eine Woche bis wir uns umentschieden.

“Lass Chile ein anderes mal besuchen… lass uns in die Wüste fahren.” Beschlossen wir ebenso euphorisch wie nervös, ebenso aufgeregt wie gespannt.

In den folgenden Wochen lasen wir Blog um Blog (viele Quellen gibt es nicht), die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes und zapften alle Quellen an, die uns zur Verfügung standen.

Wir waren noch immer etwas aufgeregt, hauptsächlich weil es wirklich nicht viele Informationen zu Backpacking im Iran gab und so fragte ich auch einen Kollegen, Iraner; “…sag mal, wir haben vor in den Iran zu reisen…ist das…”

hier unterbrach er mich

“…mach das! es ist super!…”

“Ehrlich? Keine Bedenken?”

“Nein! Überhaupt nicht! Es ist super sicher dort.”

Hm… da ich mit ihm nicht auf Kriegsfuß stehe, und es offensichtlich keinen Grund dafür geben mag, dass er mich loswerden möchte, musste wohl etwas dran sein dachte ich mir.

Nagut… was muss man für ein Visum tun, das war unsere nächste Recherche. (Zu allen Vorbereitungen, wie Visa, Flüge, Hotelbuchung und Stationen etc. berichte ich gesondert, Links am Ende dieses Textes.) Und so saßen wir bald schon im Iranischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main, als einzig westliche Aussehende im Warteraum, gaben unsere Unterlagen ab und buchten bald unsere Flüge.

Der Abreisetag rückte näher, die Katze war untergebracht, die Sachen waren gepackt und wir bereit für unser Backpacking im Iran Abenteuer.

Als wir uns im Anflug auf Teheran befanden, hier ist das Eingangstor nach Persien für jeden Westlichen, wurde es langsam immer dunkler.

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Aus der Luft konnten wir noch einige Blicke auf die schiere Endlosigeit der Wüste erhaschen, die dem Land ihr Gesicht gibt. Kleine Städtchen, ordentlich aufgereiht, Autos die von ihren Scheinwerferner leuchtet über die asphaltierten Straßen huschten.

Das riesige Teheran, welches sich mit seinen etwa 12 Millionen Einwohnern vor uns eröffnet.

Militäreinrichtungen, Flugabwehrstellungen…Oha!

Backpacking in Iran
Kopftuchköfferchen

Wir setzten auf der Rollbahn des Imam Khomeini International Flughafens auf und wurden aufgefordert, nunja die Damen am Bord wurden dazu aufgefordert, das Kopftuch aufzusetzen…umzulegen…wie auch immer…ihren Kopf zu bedecken.

Dies sei Pflicht, Missachtung würden geahndet. ..Oha!²              

 

 

 

 

 

Aus dem Bordfenster blickend verfolgte ich wie die Gepäckstücke per Hand entladen wurden und wir verließen das Flugzeug

Das Terminal war nicht groß – aber modern, und sauber.

Backpacking Iran
Welcome

Wir holten unsere Sachen ab und bewegten uns zur Info – eine Dame, die offensichtlich eine Nasen OP hinter sich hatte, beantwortete freundlichst unsere Frage nach der Wechselstube (1.OG) und wir machten uns auf den Weg nach ebenda.

Ein “freiberuflicher” Geldwechsler, der uns auf dem Weg dorthin ansprach, ließ sich mit einem “Nein danke” in die Flucht schlagen (“Das war aber einfach denkt sich der erfahrene Südostasienreisende.”) und die Wechseldame mit auffälliger Stupsnase war trotz des hohen Andranges ebenfalls sehr freundlich (zu dieser Zeit 1Euro = 147kIRR – Blogs und Währungsapps hatten von 1€ = 45kIRR berichtet).

 

 

Also, wie in die Stadt kommen (ca 65km bis zum Hotel)? Taxi oder Bahn? Taxifahrer sind doch immer so aufdringlich, und bestimmt ist es sauteuer… Mal vorsichtig schauen: Schritt vor die Tür und gleich ruft es von einem schnurrbärtigen Mann; “Hello sir! Taxi?”

… Hah…wusst ichs doch! Alle gleich! … “No, thanks, I need a moment!” … “Okay…” und ab.

Moment…keine weiteren dreihundert die ankommen? Kein beharrliches nachhaken? Was ist hier los? Will der uns nicht? Will der uns etwa stehen lassen?

Blick zum Taxistand: City Center: “Toyota 1.mioIRR” – “Volkwagen 1.MioIRR” – “Saipa 850kIRR”. (Embargo?!) WAS?! Hier gibt es sogar Pauschalpreise am Flughafen (!) Taxistand? Den Preis geschwind im Kopf umgerechnet 1 Mio / 147.k/€ … hey das ist ja spottbillig!

Na gut… dann mal ab zum Taxidriver, Adresse in Farsi und Englisch bereit gehabt, dem Boss in die Hand gedrückt, das Anweisungsschauspiel verfolgt, noch einmal über den Preis versichert und einem Taxi zugewiesen worden. Los gings.

Mittlerweile war es stockdunkel.

Wird er uns entführen und freipressen? Ausrauben? Unsere Organe verkaufen? Er drückte auf Knöpfe des Toyota und Musik erklang, in Farsi, in Englisch, poppig, schnulzig…. (Moment war Musik in der Öffentlichkeit im Iran nicht verboten?)

So schlängelten wir uns zwischen Tausenden anderen Fahrzeugen in aus anderen Ländern gewohnt chaotischer Manier Kilometer um Kilometer in Richtung City Center zu unserem Hotel. Ruckartige Slalombewegungen des Fahrers über alle vier Fahrbahnspuren, auf denen in 6 Reihen Fahrzeuge fuhren, gefolgt von Huporgien hielten uns bei Laune – wer bremst verliert.

Das Adrenalin steigt. Händchenhalten ist nicht. Berührungen in der Öffentlichkeit zwischen Mann und Frau sind illegal. Auch aus Beweggründen der Angst. Wir waren da, unser Hotel; ich sortierte das Geld welches ich während der Fahrt vorgezählt hatte und mittlerweile von Angstschweiß durchfeuchtet war, legte noch ein 100kIRR Schein als Tip obendrauf und übergab dieses mit einem “Mamnun” (Danke) an den Fahrer unserer Kutsche.

Er zählte, zählte nochmal und hielt mir den Geldschein entgegen: “Ähm…Sir…”

Neeneee…passt scho… gab ich zu verstehen…

Große Augen. “Thank you!” Scho’ recht.

Im Hotel wurden wir freundlichst auf fließendem Englisch begrüßt, Kopie vom Pass, hier WiFi Code, hier Schlüssel, Gepäck bringen wir Ihnen ins Zimmer… Auf Danksagung und Kompliment unsererseits folgte Danksagung und Kompliment des Rezeptionisten, hin und her ging es mehrere Minuten… wir waren gefangen in einem Hamsterrad aus Persischer Gastfreundschaftlichkeit und dem deutschen Verlangen sich zu integrieren und nicht negativ aufzufallen.

Ein klingelndes Telefon durchbrach den Teufelskreis der Höflichkeit und wir fanden uns in unserem Zimmer wieder. Minibar auf – ich brauche was Kaltes zu trinken.  

COCA COLA?! NESTLE?! Made in Iran?!?! Sanktionen?!?!?!

Schurkenstaat, Bedrohung für den Weltfrieden, Köpfen, Scharia, laute englische Popmusik, freundliche Taxidriver, unaufdringliche Menschen, westliche Konsumgüter… das Umsortierungskarusell in unseren Köpfen hatte schon jetzt rasend begonnen sich zu drehen. Schublade auf, Schublade zu. Unser Abenteuer, Backpacking im Iran hatte begonnen – wir schliefen auf den wunderbar harten (!) Matratzen des Karoon Hotel ein. Bereit für die nächsten Abenteuer.  

In weiteren Artikeln findest Du Infos zu:

    *(Mir fällt als einzig ernstzunehmender nur Herr Sonneborn der Partei DiePARTEI ein ~ aber das ist ein ganz anderes Thema)


Wenn ihr wissen wollt wo wir während unseres Sabbaticals waren, könnt ihr euch auch hier über unsere Route informieren.

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