O Kanada – eine alte Liebe, die rostet.

Eingetragen bei: Alberta, British Columbia | 4

O Kanada, was haben wir uns auf Dich gefreut.
Auf die endlosen Weiten, die Wälder, die Seen, die Berge, auf Deine frische Luft, die wir in Südostasien so schrecklich vermissten.

Und gefürchtet vor den Bären und der Kälte.
O Kanada – was waren wir gespannt auf Dich!

Wir kannten uns ja schon aus einem Wohnmobil, als wir 2014 die Rockies bis nach Seattle runter fuhren, wo ich damals noch schnell am “Tough Mudder” teilnahm – wie seinerzeit in Sydney – als ich noch besser in Schuss war; den berühmten “Lake Louise” und sein verstecktes Teehaus besuchten und auch auf Vancouver Island waren.

Diese frische Luft, auf die habe ich mich am meisten gefreut.
Dieser Duft von Nadelbäumen, Beeren, feuchtem Moos.
Auch auf die freundlichen Menschen und die “Ordnung”.
All das war mir in Erinnerung geblieben.
Ein erwartetes Seelenheil nach drei Monaten auf den staubigen Pisten Südostasiens.

Voller Erwartung unseren Roadtrip wie wir ihn aus Australien kannten hier in Kanada fortzusetzen, leiteten wir alles notwendige dafür in die Wege.
Arbeiserlaubnis und Konto beantragt, Auto gekauft, zugelassen und ausgestattet.
Ab geht’s.
Die Behördengänge und der Fahrzeugkauf klappten problemlos, der Wagen war schnell getankt (im Schnitt 70€cent\L) und auf die Straße gebracht.

Als wir, noch die Hitze Taipehs im Nacken, in Vancouver aus dem Flugzeug stiegen, wurden wir von wunderschönstem Frühlingswetter begrüßt. Strahlender Sonnenschein. Blauer Himmel. Vögel. Die herrliche Bergluft, die aus den mayestätisch über der Stadt wachenden Rocky Mountains herüberwehte.

Es war so schön wieder hier zu sein.
Und auch mein Magen erinnerte sich wieder – an Poutine. Kanadas Leibspeise.

Sechs Tage gab uns der Wettergott Zeit, den kanadischen Frühling zu genießen und uns wieder einmal an Vancouver zu erfreuen.

Am Abend vor unserer Abfahrt begann es zu regnen. Regen, die letzten 11 Monaten hatten wir fast ausschließlich in Hitze mit 30℃+++ und Schwüle oder Trockenheit verbracht, so waren wir sogar fast dazu geneigt dem Wettergott ein Dankestänzchen hinzuschmettern.
Regen kann so schön sein.
So schön!

Allerdings regnete es von nun an fortwährend (naja fast) und das ist ein ziemlicher Scheiss, wenn man zu zweit auf 6qm lebt, keine Feuchtigkeit im Wagen haben möchte und auch etwas von dieser sagenhaften Natur da draussen sehen will.
Ausserdem wurde es kalt.
Nicht nur in den Bergen.
Tagsüber Jackenwetter, nicht nur wegen dem Regen. Nachts lange Hose, Wollmütze, zwei Pullis und Decken Wetter.
Der Frühling in Kanada entscheidet sich also kaum von dem Herbst in Deutschland.

Wir dachten uns also schon ziemlich bald ein leidiges: “O Kanada!”.

Wir hatten versucht dem Wetter zu entkommen und so sind wir in nicht einmal einer Woche von Vancouver bis Edmonton gefahren und haben viel “an der Seite” liegen gelassen.
Ca 1.200 Kilometer runterreissen – es gibt schöneres.

Um die Rockies war es schade aber nicht weltuntergangsschlimm, wir kannten uns ja schon und
…man ist ja nicht aus der Welt!.

Als wir das erste Mal in Kanada waren, schliefen wir in jeder Nacht mit unserem Camper auf Campgrounds in Nationalparks. Jede Nacht kostete ca. 30$ (~20€).
Zuzüglich dem Nationalparkpass, der entweder für 24 Stunden 14$ oder eben für ein Jahr 136$ kostete.
Das war okay. Waren wir damals ja auch im Urlaub, hatten einen monatlichen Gehaltsscheck und wir kannten es ja nicht anders. Als “guter Deutscher” geht man zum Campen auf Campingplätze…natürlich! Wohin auch sonst?

Aber das hier ist ja kein Urlaub.

Nun, nachdem wir 8 Monate in Australien unterwegs waren und hier die App “wikicamps” kennen gelernt hatten, die einen zu (kostenfreien) Campsites und auch Duschen führt, hatten wir ähnliches für Kanada erwartet.
Sind die Kanadier doch ebenso outdoorbegeistert.
Wikicamps hatten wir natürlich schon vorab runtergeladen und durchgecheckt.
30$ pro Nacht können wir uns wirklich nicht leisten. Wollen wir auch nicht – 30$ ist ein Haufen Holz.
[In Australien war der Eintritt in Nationalparks zum Vergleich kostenfrei und die Nacht wurde mit 5$/p.P. berechnet.
(Die Parks standen denen der Kanadier in nichts nach.)] Wikicamps hatte nicht viel ausgespuckt.
Eventuell war die App hier auch noch nicht so sehr verbreitet wie in Australien.
In British Columbia schien es eine reichhaltige Auswahl zu geben, in den anderen Staaten jedoch nicht.
Nun ja, in den Rockiess wollten wir ja nicht bleiben, also war es wohl an uns, die Karte zu füllen.
Aber das war Okay, schließlich war der Abenteurer- und Pioniergeist in uns noch lange nicht erloschen.

Allerdings sollten wir bald enttäuscht werden.
Pünktlich mit Betreten des Bundesstaates Alberta war es annähernd unmöglich einen Stellplatz für die Nacht (in der Natur zu finden).

Der erste Campground war noch okay.
Es hat uns einige Nerven gekostet, den zu finden, doch letztendlich konnten wir die Nacht mit Blick auf die schneebedeckten Gipfel der Rockys, auf einem Parkplatz in Indianergebiet am Rande eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers des 2. Weltkrieges verbringen, das heute der Campus einer Universität ist.
Das war unsere 4. Nacht im Wagen, die 4. Nacht bei Regen und scheisse haben wir gefroren.
Trotz Jacke und Pullis und Hosen und überhaupt.
Der “Winter” in Alice Springs war irgendwie harmloser…weil, trockener.

O Kanada…

no! - nonono!!!
no! – nonono!!!

Das war aber seither der letzte schöne Platz.
Wohin auch immer wir fortan kamen hieß es:
“Camping prohibited!”
“No overnight stay!”
“If you stay – I have to fine you!”

Das ist als Backpacker, der das Land von West nach Ost im Wagen so günstig als möglich durchqueren möchte nicht gut.
Gar nicht gut, denn mit Geldstrafen wird hier nicht zimperlich umgegeangen.

 

 

O Kanada, Du machst es uns nicht ganz so leicht.

Wir waren irgendwann in dieser wunderschönen Stadt Calgary angekommen und konnten aber nichts zum kostenlosen Schlafen finden.
Also blieb uns nicht ganz so viel Zeit.
Erst 80 Kilometer ausserhalb, am zweiten “Rest Stop” konnten wir versteckt in einer Ecke hinter Lastwägen, gegenüber dem Burger King drive through Schalter für die Nacht stehen.
Der Rastplatz war neu und deswegen wahrscheinlich -noch kein- “no!!!” Schild angebracht.
Es regnete, es war kalt.
In der weiten Ferne waren die Ausläufer der Rockies zu sehen.
In der Nähe die LKWs zu hören und die Entladestation für Wohnmobiltoiletten zu riechen.

Das muss alles Zufall und Pech sein, sagten wir uns genervt und versuchten uns gegenseitig hochzuziehen…irgendwie.

Nach Calgary sind wir nie wieder zurück gefahren, wir hatten unser Glück (vergeblich) in Edmonton versucht.

Wir checkten Wikicamps, maps.ME, google, freecampsites.net
Es war wie damals mit den Bananen im Osten.
Nüscht.
Einfach Nüscht.
Wir markierten die Orte, an denen wir etwas vermuteten,
Parks, Parkplätze, alte Campgrounds, und fuhren diese ab.

Fast 160 Kilometer Umwege (!!!) fuhren wir an diesem Tag. Stundenlang nur um auf dem Weg nach Edmonton, der Hauptstadt Albertas einen ruhigen, schönen Platz an der Natur für 1, 2 Tage zu finden.
Der Tag endete auf einem Parkplatz von Walmart. Hier hing kein Schild und weil es sich um Privatgelände handelt, hatten wir die Polizei auch nicht zu befürchten.

O Kanada – so macht das alles keinen Spaß.
Den Regen verzeihen wir Dir.
Die Zäune, um deine Schönheit um uns auszusperren, die “private property” und die vielen “no – no – no’s” nicht.
Es fühlt sich nicht schön an morgens auf einem Supermarktparkplatz aus dem Auto zu kriechen, sich den Schlafsand aus den Augen zu reiben und während dem Gang zur Kundentoilette von Kunden und Belegschaft fragend angesehen zu werden.
Das fühlt sich nicht mehr frei an.
Das fühlt sich wie ganz, ganz unten an.

Ich komme mir mit diesen ganzen Verboten und Unterlassungsvorschriften vor wie in Deutschland und selbst da bin ich mir nicht ganz sicher wie das mit dem im Auto in der Natur schlafen aussieht.
Ich glaube das geht okay, wenn man kein Feuer macht und seinen Müll, wie es sich gehört, wieder einpackt.

O Kanada…

Als ich diesen Artikel schreibe, stehen wir auf einem betonierten Platz hinter einer Hecke zur Autobahn.
Kein Verbotsschild hier.
Dafür Verkehrslärm.
Auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite der Ausblick über einen großen, wunderschönen See.
Enten fliegen in Formation über uns und schnattern.
Bald queren wir die Grenze nach “Saskatchewan”.
Es hat aufgehört zu regnen.
Mal sehen ob es anders wird.
Ob es besser wird.
Wikicamps USA ist herunter geladen und auf Tauglichkeit geprüft.
Zur Not begehen wir unsere Weltumrundung im anderen Staate Nordamerikas.
Immerhin – wir haben schon Bisons gesehen.

Echte.

Eingezäunt.

O Kanada – God save the Queen.

Die Nationalhymne Kanadas: O Canada


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4 Antworten

  1. Ich lese nur das Wörtchen “rollkoefferchen” und in mir flammt das Fernweh auf. 😊

    Als ich 2008 durch Australien gereist bin hatten wir einen Kombi mit Matratze und zwei Reisekoffer in welchem unser ganzes Hab und Gut war.
    Wir hatten das Glück finanziell gut dabei gewesen zu sein und sind oft campgrounds angefahren. Auch arbeiten brauchten wir nicht in den 6 Monaten.
    Was aber das wertvollste war, war nicht das volle Konto, sondern die Freiheit einfach los zu fahren.
    Wie oft haben wir in öffentlichen Duschen geduscht. Sind von Staub bedeckt im tiefsten Busch aus dem Auto geklettert. Haben Instand Kaffee getrunken mit Blick auf’s Meer. ………
    Ich vermisse es!

    Heute gehe ich wieder meiner täglichen Routine nach. Wohne in einem Haus das nach und nach immer voller wird mit Zeug das man eigentlich gar nicht braucht. Wir fahren zwei Autos und in der Garage steht ein Motorrad. Der nächste Pauschalurlaub nach Ägypten ist schon gebucht.
    Vor kurzem haben wir uns eine Essgruppe gekauft, xxl und natürlich Echtholz.

    Und wozu das alles? Von dem Tisch hätten wir in Australien einen Monat gelebt!

    Wenn ich mir das anschaue und darüber nachdenke komme ich immer wieder zum gleichen Ergebnis.
    Man verfällt sehr schnell wieder dem Rhythmus des Wohlstands. Unterliegt den gesellschaftlichen Zwängen.
    Und je mehr Wohlstand man sich schafft, je abhängiger macht man sich wieder.
    Man möchte sich den Wohlstand ja erhalten… Aber alles muss auch finanziert werden.

    Und braucht man das? Nein!
    Nie war ich glücklicher als in Australien. Im Kombi mit zwei Koffern!

    Wenn ihr das nächste mal von fragenden Blicken gelöchert auf einem Supermarktparkplatz aus dem Auto krabbelt und euch unwohl dabei fühlt denkt an eins…
    Ihr seit nicht ganz unten, ihr seit ganz ganz weit oben!
    Den ihr lebt (wenn es auch zeitlich begrenzt sein wird) den Traum den andere nur träumen wenn sie im Büro wieder ihrem Rhythmus nachgehen.

    • Mr. Beans!
      Was für ein selten netter Kommentar!
      Vielen, vielen Dank!
      Wir zucken mitunter schon zusammen wenn wir sehen das hier oder da ein Kommentar auf unsere Beiträge abgegeben worden ist da die Kommentare nicht immer das sind was man unter “nett” einstufen würde.
      Aber dieser hier hat uns ausserordentlich gefreut.
      Ja, Du bist im Recht wenn Du sagst wir sind ganz weit oben…oder zumindest ausserhalb gewisser Sphären.
      Das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen denn schliesslich wurde man von Kindesbeinen an so konditioniert
      “Reichtum” eher in Essgruppen denn in Luft zu Atmen definieren. Und auch in dieses Denken fallen wir (ich) ab und an wieder zurück.

      Und sicher geht es für uns bald auch wieder dorthin zurück weswegen wir uns das alles auch sicherlich nicht kaputt machen lassen,
      wer aber einmal in Australien unterwegs war, und weiss wie es auch gehen kann, der knirscht in Nordamerika manchmal mit den Zähnen.
      Aber – wir machen ja kein Urlaub hier, der Weg ist das Ziel.
      Und irgendwann…wenn wir dann wieder zurück im “normalen” Leben sein werden, werden wir dann und wann zurück schauen und uns all diese
      Abenteuer und Menschen die wir auf unseren Wegen kennengelernt haben in Erinnerung rufen und feststellen wieviel reicher wir fürs Leben geworden sind.
      Vielleicht nicht an Geld – aber an sein.

      Und wenn uns der Büroalltag mal annervt -> Matratze ins Auto, Gaskocher und Instantkaffee rein und einfach so für zwei, drei Tage in den Wald oder ans Meer gefahren.
      So wie damals!

      Alles Gute, alles Liebe und VIELEN DANK!

      Tina & Hotze

  2. Hi,

    unterhaltsam geschriebener Artikel, ließ sich gut lesen.
    Wann habt Ihr denn den tagelangen Regen erlebt? Das war außerhalb des kanadischen Sommers (ca. Juni, Juli, August), oder? Da regnet’s nämlich laut Klimadiagramm gar nicht. Auf jeden Fall nicht hier in Vancouver, wo ich seit April wohne. Über die anderen Regionen (Rockies usw.) kann ich nichts sagen.
    Habe mich für Vancouver entschieden aufgrund der Berge. Solche Berge wie in British Columbia/ Alberta habt Ihr auf Eurer Australien-Reise nicht gesehen, oder? Da war ein klarer Vorteil wohl das Wetter.

    Ah, lese gerade, dass Ihr den Regen im Frühling erlebt habt. In diesem Jahr war das Frühlingswetter hier in Vancouver für Vancouver-Verhältnisse überdurchschnittlich gut, haben mir Einheimische erzählt.

    Weiterhin frohes Reisen.
    Gruß, René

    • Hey Renè, danke für dein Kommentar.
      Ja, tatsächlich, als wir in Vancouver losfuhren war das Wetter herrlich.
      Bis ungefähr Calgary. Je weiter wir östlich kamen desto feuchter wurde es. Den tagelangen Regen haben wir dann gegen Edne von Saskatchewan und in Manitoba erlebt.
      Kaum warn wir allerdings über die Grenze in Minnesota wurde es schlagartig freundlich, es war als wollte uns Kanada nicht haben.
      Dennoch – ein wunderschönes Land!

      Nein in Australien haben wir -soetwas- nicht gesehen, dafür anderes, sehr sehr sehenswertes!
      Viele Grüße
      Hotze

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